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Geleitwort Glühsterne

Science oder Science Fiction – wer gewinnt, wenn es darum geht zutreffende Aussagen über die Zukunft zu machen? Glaubt man verschiedenen Publikationen der (oftmals selbst ernannten) Zukunftsforscher der letzten Jahre, dann sind die Autoren des Science Fiction auf jeden Fall im Vorteil. Sie sind, anders als die Damen und Herren der Wissenschaft, nicht so sehr in Detailfragen und deren Lösbarkeit verhaftet, sondern beflügeln die Wissenschaftler vielmehr mit ihrer Fantasie zu Ideen für weitere Forschung. Und auch ich bin geneigt dem zuzustimmen und den Science Fiction Autoren den Vorzug vor den Vertretern meiner Zunft zu geben. Unbestreitbar sind die Produkte der technischen Fantasie eines Jules Verne oder eines Gene Roddenberry  nicht mehr aus unserem Alltag wegzudenken. Willkürlich ausgewählt: Von den U-Booten der heutigen Zeit bis hin zu den Errungenschaften der modernen Telekommunikation, die uns alle so beglücken und überrollen – was ist nicht alles den wirren Köpfen des Science Fiction entsprungen, lange bevor es technische Realität wurde. Und welcher Eingeweihte denkt beim Anblick der gerade entstehenden 3-D-Scanner-Technologie nicht unwillkürlich an die Replikatoren der Enterprise.

Doch in dieses Feld steckt Axel Kruse seine beachtlichen kreativen Energien nicht. Technologisch sind seine Geschichten nahtlos z.B. mit der großartigen Star Trek-Saga Roddenberrys kompatibel. So wie bei diesem wird in Axel Kruses Welt selbstverständlich vorausgesetzt, dass in einer nicht mehr ganz so fernen Zukunft aufgrund der Realisierung von Über-Lichtgeschwindigkeits-Antrieben der Kontakt mit fremden Spezies zum Alltag gehören wird (1).

In einem wesentlichen Aspekt unterscheidet sich Axel Kruse jedoch von Roddenberrys Welt. Während im Star Trek-Universum im Bezug auf die die Menschheit gleichsam ein utopischer Kommunismus Realität geworden ist, der mit der Abschaffung des Geldes einhergeht und der es den Menschen ermöglicht, sich ganz auf die Vervollkommnung der eigenen Person und der menschlichen Zivilisation zu konzentrieren, ähnelt die Welt Kruses in einer geradezu beängstigenden Weise der unseren. Nach wie vor müssen sich die Menschen der Kruse-Gesellschaft mit Groß-Konzernen und totalitären Tendenzen herumschlagen, nach wie vor setzen Politiker dieser Gesellschaft auch einmal gerne auf die Trumpfkarte der Fremdenfeindlichkeit. Und auf subtile Weise verknüpft er die Schicksale seiner Protagonisten mit diesen großen Läufen der gesellschaftlichen Entwicklung.

Fußnote:

(1) Als Physiker bin ich mir zwar der Möglichkeiten bewusst, die Raumzeit zu verzerren (engl. to warp). Bereits 1994 entwickelte der mexikanische Physiker Miguel Alcubierre ein theoretisches Konzept der Krümmung der Raumzeit rund um ein Raumschiff, die für einen externen Beobachter als eine Bewegung mit bis zu 10facher Lichtgeschwindigkeit wirken würde – übrigens kein Widerspruch zu Einsteins spezieller Relativitätstheorie. Allein: Wieder liegt die Tücke im Detail. Selbst fortgeschrittenere Konzepte zu Erzeugung von Warp-Blasen benötigen immer noch so viel Energie, wie sie in der gesamten Masse des Jupiters gespeichert ist. Ganz moderne Konzepte benötigen lediglich noch 500 kg Masse, allerdings in einer exotischen Form der Materie. Diese ist ausgestattet mit negativer Energie, so dass ihre Gravitationswirkung beispielsweise abstoßend ist. Sehr fraglich, ob es so etwas in diesem Universum überhaupt gibt (… wieder einmal diese kleinkarierten Naturwissenschaftler).

So sympathisch mir der Utopismus Roddenberrys ist, so muss man doch festhalten, dass die Prognosen Axel Kruses realistischer erscheinen – leider. Die Rückschau auf die neuere Geschichte seit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs vor 100 Jahren, lässt keine optimistischeren Schlüsse zu. Trotz „Völkerbund“ und „Vereinte Nationen“ sind so wenige Tendenzen hin zu einer vereinigten Menschheit zu erkennen. Stattdessen ziehen Ströme von Blut durch das Bild, wenn man den Zeitstrahl der letzen 100 Jahre betrachtet. Und der Raubbau an diesem Planeten geht erst recht munter weiter, weil man ihn immer noch mit Begriffen wie „Fortschritt“ und „Alternativlosigkeit“ verbrämen kann, ohne dass sich Menschen in großer Zahl über diese Propaganda-Lügen empören.

So ist es also wahrscheinlich, dass sich in den Geschichten dieses Autors nicht nur unsere heutige Gesellschaft spiegelt, sondern dass auch in den technologisch fortgeschrittenen Gesellschaften der Zukunft, vielleicht der Natur des Menschen folgend, eine permanente Auseinandersetzung zwischen den destruktiven und den solidarischen Kräften herrschen  wird. Ich denke allerdings Axel Kruse wäre der Letzte, der etwas dagegen hätte, wenn sich diese Vorausschau als falsch erweisen würde.

Essen, der 15.1.2014
Dr. Michael Arnold